Mein Name ist Cassandra. Mein langjähriges Interesse an Geschichte hat mich auch während meines Studiums begleitet, in dem ich mich unter anderem mit antiker Geschichte und Literatur auseinandergesetzt habe. Die Gladiatur ist für mich allerdings der erste praktische Zugang zu einer historischen Kampfkunst und zum Reenactment.
In der Arena trete ich als Provocatrix an. Der Provocator gehörte zu den schwerer gerüsteten Gladiatorentypen und kämpfte in der Regel gegen einen Gegner derselben Armatura. Meine Bewaffnung besteht aus einem Kurzschwert (Gladius) und einem gewölbten Schild (Scutum). Im meinem Kampfstil setze ich mein Scutum nicht nur defensiv ein, sondern es bestimmt auch Distanz und Bewegung im Kampf und lässt sich auch offensiv einsetzen.
Geschützt werde ich durch eine Manica am Schwertarm, eine einzelne Beinschiene (Ocrea) sowie den charakteristischen Brustschutz (Pectorale/Cardiophylax) vor der Brust.
Frauen in der Arena
Dass meine Darstellung weiblich ist, ist dabei keineswegs eine rein moderne Neuerfindung. Frauen traten tatsächlich in der römischen Arena auf, auch wenn die Quellenlage wesentlich dünner ist als bei ihren männlichen Kollegen und wir über Häufigkeit, Ausbildung und sozialen Hintergrund nur begrenzte Aussagen treffen können (McCullough 2008, S. 197 ff).
Das eindrucksvollste bildliche Zeugnis ist ein Relief aus Halikarnassos aus dem 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. Es zeigt zwei bewaffnete Frauen namens Amazon und Achillia (der Inschrift zu entnehmen), die gegeneinander antreten (Wiedemann 1992, fig. 16; Coleman 2000, S. 487 ff).
Auch literarische Quellen erwähnen Frauen in der Arena mehrfach. Gerade Autoren aus der männlichen römischen Oberschicht begegnen ihnen jedoch häufig mit Spott und moralischer Empörung. Frauen (auch Frauen höheren Standes), die sich auf Tätigkeiten wie Gladiatorenkampf einließen, konnten als „entehrt“ oder schändlich dargestellt werden (Knapp 2012, S. 302). Diese Texte verraten deshalb mindestens ebenso viel über römische Vorstellungen von Geschlecht und gesellschaftlichem Status wie über die Kämpferinnen selbst. Die weibliche Teilnahme an der Gladiatur war real, wurde aber gerade deshalb literarisch ausgeschlachtet, weil sie bestehende gesellschaftliche Erwartungen sichtbar überschritt (McCullough 2008, S. 197–209).
Auch epigraphisch sind kämpfende Frauen belegt. Eine fragmentarische Inschrift aus Ostia rühmt den Magistraten Hostilianus dafür, als „erster seit Gründung der Stadt“ Frauen „ad ferrum“ präsentiert zu haben. Wie genau die fragmentarische Formulierung zu verstehen ist, wird diskutiert; in der Forschung wird sie jedoch als wichtiges Zeugnis für Frauen in den dortigen Arenaspielen behandelt (Knapp 2012, S. 302; Coleman 2000, S. 498).
Um 200 n. Chr. verbot Septimius Severus schließlich Frauen den Auftritt im bewaffneten Einzelkampf. Weibliche Kämpferinnen waren nachweisbar waren, zugleich aber als gesellschaftliche Grenzüberschreitung wahrgenommen und wurden schließlich zum Gegenstand eines Verbots (McCullough 2008, S. 200).
Auch Gladiatoren insgesamt nahmen in der römischen Gesellschaft eine widersprüchliche Stellung ein. Ihr rechtlicher und sozialer Status war niedrig und mit infamia verbunden; gleichzeitig konnten erfolgreiche Kämpfer für Mut, Stärke und Todesverachtung bewundert und gefeiert werden. Gerade diese Spannung zwischen gesellschaftlicher Ausgrenzung und öffentlicher Faszination gehört für mich zu den interessantesten Aspekten der Gladiatur.
Dass die Arena nicht ausschließlich versklavten Menschen oder Verurteilten vorbehalten war, macht diese Ambivalenz noch deutlicher. Auch freie Menschen konnten sich freiwillig dem Gladiatorenkampf verschreiben, und die Quellen berichten sogar von Angehörigen der römischen Oberschicht, die in der Arena auftraten (Wiedemann 1992, S. 102f.).
Literatur
Coleman, K. M. (2000). „Missio at Halicarnassus“. Harvard Studies in Classical Philology 100, S. 487–500.
Junkelmann, M. (2008). Gladiatoren: Das Spiel mit dem Tod. Mainz.
Knapp, R. (2012). Römer im Schatten der Geschichte: Gladiatoren, Prostituierte, Soldaten: Männer und Frauen im Römischen Reich. Stuttgart.
McCullough, A. (2008). „Female Gladiators in Imperial Rome: Literary Context and Historical Fact“. The Classical World 101.2, S. 197–209.
Wiedemann, T. (1992). Emperors and Gladiators. London u. a.
